Bespielbare Skulpturen –
Improvisierte Musik von Frank Ebeling und Gregor Bohnensack auf der Museumseininsel Hombroich in
Neuss - Holzheim
5. August 2011: Frank Ebeling (Moers) trifft auf Gregor Bohnensack (Münster). Ort der Begegnung ist der Turm, eine begehbare Skulptur von Erwin Heerich. Der Turm markiert eine Wegkreuzung. Vier Kieswege führen zu den vier Glastüren des Gebäudes. Frank Ebeling singt. Im Anfang war Gesang, so scheint es. Bohnensack bläst Jagdhorn. Die Kaninchen des Kunstparks im Gebüsch horchen auf. Luftübungen im Turn. Sänger und Bläser wissen: Atmen ist die Basis der Tonbildung. Stimmen überlagern sich, vermischen sich, gehen über Kreuz. Der Turm markiert einen Kreuzweg. Zischen aus dem Metall des Horns. Röcheln, Grenzlanderfahrung für Kehlköpfe. Klangtupfer. Offenheit der Kunst: Menschen kommen und gehen. Es wird geflüstert, erklärt und diskutiert. Jede Stadt braucht solche Räume.
Ebeling singt mit traumwandlerischer Sicherheit. Der Raum, dieser Turm, scheint sein erweitertes Wohn-zimmer zu sein.
Heerich im Quadrat. Der leere Raum wird Schicht für Schicht verklanglicht. Hans Arp und Kurt Schwitters hören vom Labyrinth aus zu. Es grüßt die Dada-Messe (1920) in Berlin.
Thomas Kling, Dichter aus der Raketenstation, hat ganz in der Nähe gelebt, geschrieben und Kaffee getrunken. Seit 2005 ist er tot. Die Gänse wissen noch vom ihm zu schnattern.
Der Turm, dieses Fadenkreuz, den man über die Kieswege erreicht. Der Kies murmelt einem die Ohren zu, wenn man durch die Anlage läuft. Ebeling lässt Skalen in den Luftraum entweichen. Es ist eine raketenbefreite Zone. Bohnensack entlockt seinem Horn spitze Schreie, indem er das Mundstück küsst. Ist das noch Musik oder schon Luftverkehr?
Klangforschung 1: Ebeling spielt mit Kieselsteinen, lässt sie zu Boden fallen.
Klangforschung 2: Bohnensack drückt das Jagdhorn gegen die Wand.
Klangforschung 3: Laute wie „NOHOHOHO“ und SO...SO... SIEH werden in die Welt gesetzt und verschwinden wieder. Es sind Klänge vom Grenzweg: Ein 30 Minutendialog im Schatten der Staatsschuldenkrise. Mensch-liche Laute, manchmal auch raubtierhart, eine Rachen-warnung. Grenzgängermusik vom Kiesweg. Ein großes MUUHH, eine Langzeitzirkulation jenseits der Arbeits-agentur. Sauerstoffzufuhr statt Berieselung durch die Unter-haltungsindustrie.
Blick der Musiker durch die Glastür. Begrünte Landschaft im August. „Du sollst auf den Wegen keine Blumen stückeln.“ (Merkblatt des Museums für die Versucher). Wechselspiel zwischen Innen und Außen. Türen schwingen. Es ist ein Kommen und Gehen in Welt und Musik. SINGSANG der Augenblickskünstler, bei Wasser und Rosinenbrot in den Turm gesperrt. Hölderlin isst mit. Beethoven meldet Bedenken an.
Eines der TurmStücke nennt Ebeling Musketiere. Bohnensack ohne Jagdhorn in tiefen Gesangslagen. Ebeling schwingt sich auf. Stimmen wie Kirchweih. Fließgeräusche. Choralhaft. Parallelgesang. Pause. Erneuter Einsatz für Deutschland. Gotteslob ohne Gott, aber europäisch. Generalpause. Anschwellender Bocksgesang. Leiser werdend. Vereinzelte Wolken am Himmel. Klatschende Hände.
Im Graubner Pavillion. Räume wie zwei Schalentiere. Verschiedene Materialien zum Klingen bringen. Ex-perimente speichern. Bohnensack holt seine Taschentrompete aus dem kleinen Koffer, der wie eine große Kosmetiktasche aussieht. Doch es geht nicht um Gesichtsfeldpflege. Die schwarzen Tröte wirft Echos. Trompetenbelagerung. Ebeling überlistet den Raum: Klare Töne. Wenig Hall. Er zähmt Rhythmus und Melodie. Ein disziplinierter Performer, der den Oberkörper mit seinen Händen rhythmisch beklopft. Körpermusik entsteht, der Mann bewegt sich wie ein Schamane aus dem Stamm der Beuysianer - auch Ebeling kommt ja vom Niederrhein. Er schreitet durch den Raum, schlägt die Blechschüsseln, die er unterm Hemd trägt. Er ist Graubners Magier. Ein rotes Plastikrohr über den Kopf schwingend, erzeugt er Heultöne. Man ist bei den Wölfen angekommen. Ebeling als sanftes Raubtier. Es klingt nach sibirischer Sinfonie. Die Glasfront erinnert an den Zoo. Füttern verboten, aber die Zuhörer schauen und lauschen dennoch.
Die Schecke: Hier findet Ebeling endlich eine Stromquelle für seine Elektronik. Bohnensack greift wieder zum Jagdhorn. Stiche von Rembrandt hängen an den Wänden. Kleine Arbeiten, die man stehlen könnte. Keine Aufsicht im Raum. Keine Kontrolle. Das beflügelt die Musiker. Bohnensack presst mit müden Lippen die Töne aus dem Horn. Sich mit Rembrandts Kaltnadel messen, denkt er. Ebeling speichert die Klänge und verfremdet sie. Perkussive Momente der Maschine im Atemstrom des alternden Blechbläsers, der sein Mundwerkzeug im Posaunenchor an den Chorälen Bachs geschult hat: „So nimm denn meine Lippen und führe mich.“
Ebeling kniet für vor seiner Klangmaschine, die er mit zwei Boxen verbunden hat. Bei ihm pulsiert jetzt die Elektronik. Mikrochips ersetzen die kalte Nadel. Die Apparatur dehnt die Zeit, vermag aus einer Mücke einen Elefanten zu machen.
Bohnensack hingegen bläst heißblütig und schnaufend wie die Jäger; er kommt aus der Urzeit. Spontantexte entstehen: Graugetönte der Fensterscheiben zum Schutz von Altmeister Rembrandt. Situationsbeschreibung an einem Museumstag im August 2011. Milchiges Dunkelwort, aber die Improvisation bringt Licht: Die Schnecke bebt.